Fachtagung 14.03.2013
Verletzte kleine Seele - Kinder als Opfer häuslicher Gewalt

Kinder als Opfer häuslicher Gewalt sind im Landkreis Mansfeld-Südharz ein großes Thema. Das belegen die ca. 240 Teilnehmerinnen, die sich zur Fachtagung „Kleine verletzte Kinderseele“ am 14.03.2013 im Glashaus des Rosariums in Sangerhausen eingefunden hatten.

Erzieherinnen, Lehrerinnen, Schulsozialarbeiterinnen, Sozialpädagogische Familien- helferinnen, Ärztinnen, Familien- und Sozialpaten, Vertreterinnen des Jugendamtes, des Gesundheitsamtes, von Beratungsstellen, freier Träger, der Polizei und des Amtsgerichtes waren der Einladung des Jugendamtes gefolgt. Fünf Stunden debattierten die Fachleute in der Kreisstadt über das Thema.

Einem Thema, das unter den Fachkräften ausführlich diskutiert werden kann, das aber genauso gern von der breiten Öffentlichkeit tabuisiert wird, hat sich das Lokale Netzwerk Kinderschutz gestellt und die Fachtagung organisiert.

Ministerin Frau Prof. Dr. Kolb

Justizministerin Frau Prof. Dr. Kolb betonte in ihrer Eröffnungsrede, wie wichtig es sei, die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren.

Das unterstrich auch die stellvertretende Landrätin, Frau Hepner, und nutzte die Gelegenheit sich bei allen Anwesenden für die bisher geleistete Arbeit zu bedanken.

Die Rechtsmedizinerin, Frau Dr. med. Böhm, aus Leipzig gestaltete den ersten Fachvortrag. Darin wurden Gewaltformen, Verletzungsbilder und Risiken aufgezeigt. Alle, die mit Kindern arbeiten, sollten ihrer Meinung nach, geschult werden und das Kind ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stellen. Schließlich bricht aus der Sicht des Kindes im Falle häuslicher Gewalt eine Welt zusammen. Daher soll es ermutigt werden, sich einer Vertrauensperson zu öffnen, es soll sich ernst genommen fühlen. Deshalb könnten auch seitens der Fachkräfte keine „falschen Fragen“ bei einem Verdacht gestellt werden, wie eine Teilnehmerfrage von ihr beantwortet wurde.

Den Reigen der lokalen Professionellen eröffnete Herr Riek, Kriminalrat des Polizeirevieres Mansfeld-Südharz. Er ging auf das Gewaltschutzgesetz näher ein und die Möglichkeiten, aber auch Grenzen, der im Polizeidienst beschäftigten Kolleginnen. Er nahm Stellung zu der Wegweisung der Täter. Diese werden für den Moment vom Tatort fern gehalten. Es kann jedoch personell nicht sichergestellt werden, dass eine 24 Stunden-Überwachung
gewährleistet ist. Er machte weiterhin darauf aufmerksam, dass häusliche Gewalt ebenso gegen Männer verübt wird. Eine Unterbringung von männlichen Opfern stellt nach wie vor eine Herausforderung dar. Frauen finden im Frauenhaus eine Möglichkeit und auch die mitgebrachten Kinder können dort gut untergebracht werden.

Stellvertretende Landrätin Frau Hepner

Damit übergab er den Staffelstab an die Mitarbeiterinnen des Kinder- und Frauenschutzhauses des Arbeits- und Bildungsinitiative e.V. Sangerhausen, Frau Ibold und Frau Benisch. „Schon wenn ein Kind nur Zeuge häusliche Gewalt wird, Gewalt an seiner Mutter oder seinem Vater sieht, kann es traumatisiert werden. Wenn die Bezugsperson, die
es sonst beschützt, so hilflos aussieht, wird das Kind extrem verunsichert und das hat immense Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes“, sagte Frau Ibold. Für die Arbeit des Frauenhauses ist das Thema sehr wichtig, auch wenn die Mitarbeiterinnen nicht primär mit Kindern zu tun haben, die geschlagen wurden. Frau Ibold und Frau Benisch haben über die Aufgaben, Ressourcen und Grenzen ihres Arbeitsfeldes informiert. Häusliche Gewalt beginnt schon dort, wo Kinder Zeugen von Gewalt zwischen ihren Eltern werden. Frau Benisch stellte die Situation der Kinder im Frauenhaus dar.

Dipl.-Psychologe Herr Jeckel, Leiter der Jugend- und Familienberatungsstelle des Landkreises Mansfeld-Südharz, stellte auf eine spezielle Weise das Zusammenspielen der verschiedenen Netzwerkpartner des im Landkreis aktiven Netzwerkes dar. „Auch das schwächste Glied darf nicht verloren gehen!“, so sein Appell an die Teilnehmerinnen des Fachtages.

Den fachlichen Abschluss bildete Frau Rödiger, Rechtsanwältin und Außenstellenleiterin des „Weißer Ring e.V.“. Sie informierte über Unterstützungsmöglichkeiten, vom Hilfescheck für anwaltliche Erstberatung über Erholungsmaßnahmen und finanzielle Unterstützung.

v.l.n.r.: Herr Vogler, Frau Rödiger, Herr Riek, Frau Ibold,
Frau Benisch, Herr Jeckel

Auch die Wortbeträge der anwesenden Kinderärztin der Helios Klinik in Sangerhausen, Frau Dr. Krull, der Familienrichterin vom Amtsgericht Sangerhausen, Frau Fürness-Sauer, und vom Amtsleiter des Jugendamtes, Herrn Vogler, wurden als sehr informativ und gewinnbringend empfunden, ebenso die ausgereichten Tagungsmappen mit umfangreichen Informationsmaterialien und Kontaktdaten.

In den Pausen konnte die Ausstellung „Zerrissen- Kinder als Opfer häuslicher Gewalt“ besichtigt werden. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt des Ministeriums für Gesundheit und Soziales Sachsen-Anhalt, des Landeskriminalamtes Sachsen-Anhalt, der LIKO – Landesintervention und Koordination bei häuslicher Gewalt und Stalking in Sachsen-Anhalt, mit Unterstützung durch die Fachhochschule Polizei Sachsen-Anhalt zur Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen und Kinder im häuslichen Bereich.

Die Ausstellung „Zerrissen – Kinder als Opfer häuslicher Gewalt“ wendet sich vorrangig an Betroffene, die innerhalb einer bestehenden Ehe oder nichtehelichen Partnerschaft Gewalt erfahren oder Gewalt erfahren haben. Insbesondere der präventive Blickwinkel ist nicht nur für die Polizei von großem Interesse. Hierin besteht die Möglichkeit zu verhindern, dass im familiären Umfeld gelernte Opfer- und Täterrollen über die Kinder in gewaltgeprägten Familien „sozial weitervererbt“ werden. Die Ausstellung kann auf Anfrage beim Landeskriminalamt ausgeliehen werden.

Frau Gängel, Koordinatorin des Lokalen Netzwerkes Kinderschutz im Jugendamt und Organisatorin der Fachtagung, zeigte sich zufrieden mit der Schlussbilanz, die die Teilnehmerinnen und Referent_innen am Ende des Tages über Bewertungsbögen oder in persönlichen Gesprächen reflektierten. Das Ziel der Veranstaltung, dass die Teilnehmerinnen über Handlungsfelder der Professionellen und deren Grenzen informiert sind, sich kennen lernen und im Notfall wissen, an wen sie sich wenden können, wurde erfüllt. Es wurden ein Stück weit Handlungssicherheit und Transparenz geschaffen.

„Verletzte kleine Seele- Kinder als Opfer häuslicher Gewalt“ wurde unterstützt von der Stadt Sangerhausen, dem Team der „Schwarzen Rose“ rund um Frau Gerlach, dem „mad house e.V.“, der Gleichstellungsbeauftragten und den Auszubildenden des Landkreises Mansfeld-Südharz, Frau Winkler und Herrn Lohmann.